Überdurchschnittliche Sensibilität (HSP)

Das Eingehen auf individuelle Besonderheiten, wie eine überdurchschnittliche Sensibilität, hat viel mit dem Miteinander zu tun, wie wir uns das bei Visiana wünschen. Deshalb möchte ich (Andreas) hier einige Infos sammeln zu den zwei Bereichen, die mich selbst betreffen:

I.) überdurchschnittliche Geräuschempfindsamkeit und

II.) überdurchschnittliche Stimmungs-Empfindsamkeit, also für die Art des miteinander Sprechens und Agierens

Ein persönlicher Einstieg: Quasi filterlos

I.) Für alle Geräusche auf Empfang

Ich möchte als Betroffener berichten. Vielleicht verstehst Du danach besser, wieso ich viele wirklich ruhige Stunden brauche, obwohl ich zeitweise – beim Trommeln oder Singen – selbst richtig laut bin.

Meiner Einschätzung nach betrifft dieses neurologische Phänomen nur ca. 2-5% der Menschen. (Auch viel HSPler sind nicht überdurchschnittlich geräuschempfindlich oder nur bei bestimmten Geräuschen empfindlicher.) Für die meisten ist es normal, dass sie sich an bestimmte Geräusche mit der Zeit gewöhnen und sie schlicht überhören: „Ach, das höre ich schon gar nicht mehr.“ – den Kühlschrank, das Ticken der Uhr, den Eismann… (manchmal leider auch den Wecker oder das Martinshorn.) Und es ist auch völlig normal, dass sie sich auf Partys auf ein Gespräch fokussieren können. Das die Musik aussetzt, die Schallplatte hängt, ein fremdes Handy klingelt, all das blendet der Durchschnittsmensch praktischer Weise aus.

Dass auch Du Geräusche filterst und sie nicht mehr bewusst wahrnimmst (kognitiv verarbeitest), merkst Du am eindringlichsten, wenn bei einer lauten Party plötzlich Dein Name fällt. Das bekommst Du garantiert mit, während Du andere Stichwörter überhörst. (Die Psychologie nennt diese Phänomen den „Cocktail-Party-Effekt“.)

Nun stell Dir vor, so wie mit Deinem Namen geht es Dir mit allen Wörtern und allen Geräuschen. Du bekommst einfach alles mit, solange es akustisch noch wahrnehmbar ist. Und Du verarbeitest alles: Wichtige oder unwichtige Information, Gefahr im Verzug oder harmlos. Dein Gehirn läuft ständig auf Hochtouren!

So sind auch angenehme Geräusche, wie Lachen, ein anregendes Gespräch mit meinem Gegenüber in einer Gaststätte oder ein geselliges Beisammensein für mich nach einer Weile purer Stress, während andere Menschen dies nur als lebendig erleben, weil sie ausfiltern können, was ihnen zu viel wird.

Und dabei kommt es nicht in erster Linie auf die Lautstärke an. Wie schon angedeutet, kann ich zeitweise sogar große Lautstärke als angenehm empfinden, z.B. wenn ich mit großer Freude beim freien Trommeln Kommandos brülle. Der Vorteil für mich: Die lauten Töne – die ich idealer Weise selbst erzeuge, denn dann muss ich sie nicht einordnen – übertönen alle leisen Geräusche. Somit wird mein Gehirn entlastet. Allerdings wird mein Gehör belastet. Und wie jeder anderer Mensch braucht mein Gehör dann bald eine Ruhephase, um sich zu regenerieren, wie nach einem Discobesuch.

Wie sehr mich Geräusche beschäftigen hat mit folgenden Faktoren zu tun:

  1. Wie unvorhersehbar ist das Geräusch für mich? Ist Zeitpunkt, Dauer und Auftretenswahrscheinlichkeit für mich vorhersehbar?

  2. Ist es mir bekannt?

  3. Wie viel Informationscharakter hat es? Die menschliche Stimme und schrille signalartige Töne sind für mich besonders belastet, während dumpfe, gleichmäßige Töne wie ein vorbeifahrender Zug wenig Stress bedeuten.

  4. Ist es angenehm? Harmonischer Ton oder eher schrill/schroff?

Wenn Du fragen zu dem Thema hast, dann schreib mir!

Ich werde nach und nach hier mehr Infos zu dem Thema veröffentlichen bzw. auf das Portal verweisen, wo diese gesammelt werden.

II.) Für alle zwischenmenschlichen Spannung & Unsicherheiten empfänglich

Was für die Geräusche gilt, gilt auch für die Emotionen. Die meisten werden sagen „Das war eine nette Runde, ein toller Abend“, doch ich bekomme auch die kleinen Unstimmigkeiten mit, die andere praktischer Weise ausblenden: Dem einen war das Lachen von Gudrun zu laut, die andere konnte ein Lied aus persönlichen Gründen nur schwer ertragen, den dritten hat ein Witz mehr getroffen als er zugegeben hat, der vierten war eine Berührung zu nah. All das bekomme ich ungefiltert mit und es verunsichert mich, wenn kein Austausch darüber stattfindet.

Doch in den meisten Gruppen werden solch kleinen Unstimmigkeit kein Raum eingeräumt, „muss man ja nicht so persönlich nehmen, war ja nicht so gemeint.“ Und die meisten Menschen können dies auch ausblenden. Meist tun sie es um die Harmonie, Leichtigkeit und Lebendigkeit nicht durch als unangenehm empfundene Gefühle zu stören. Bei mir ist es genau umgekehrt: Die unangenehmen Gefühle zu teilen, schafft für mich Sicherheit und Verbindung. Und nach einer Weile ändern sich meine Gefühle von selbst und es entsteht Freude, innere Gelassenheit und tiefe Verbundenheit. Dann kann ich wieder ganz ausgelassen und vergnügt sein. Doch ohne diese Klärung schwindet allmählich meine Lebensenergie.

Falls es Dir ähnlich geht, fühlst Du in den Lebwendigen Gruppen vielleicht endlich wohl und sicher, während andere Menschen diese als unangenehm gefühlvoll oder als ungewohnt erleben.

Vielleicht interessiert Dich auch noch mein Artikel zu der meist gestellten Begrüßungsfrage „Wie geht’s?“

Mein Phänomen treffend beschrieben im Buch „zart besaitet“

Definitionsversuch

„Jeder Mensch nimmt Informationen aus seiner Umwelt auf und verarbeitet sie. Bei fast allen Menschen wird ein Großteil der Informationen jedoch aus der Wahrnehmung herausgefiltert.
(Wir merken dies zum Beispiel, wenn wir uns an ein Geräusch gewöhnt haben: Wer an einer Straße wohnt, deren Lärm hörbar ist, aber nicht besonders belästigt, wird diese Geräusche nach einer gewissen Zeit nicht mehr wahrnehmen, obgleich sie objektiv nach wie vor vorhanden und hörbar sind. Kommen Gäste zu Besuch, die die AnwohnerInnen auf den Verkehrslärm aufmerksam machen, nehmen sie ihn plötzlich – wenngleich ohne Überraschung – für einige Zeit wieder wahr, bis sie schnell in die alte Gewohnheit verfallen und den Verkehrslärm aus ihrer Wahrnehmung ausblenden. […])
Dieser Filter ist bei hochsensiblen Menschen aufgrund neurologischer Besonderheiten weniger stark ausgeprägt als bei nichthochsensiblen Menschen. Hochsensible nehmen viel mehr Informationen auf, sowohl von ihrer Umwelt als auch von sich selbst. Sie nehmen feine Einzelheiten in einem größeren Spektrum wahr.

[Was überdurchschnittlich wahrgenommen wird, ist allerdings individuell sehr verschieden!]
Was genau Hochsensible allerdings im Einzelfall intensiver wahrnehmen, ist unterschiedlich, auch weil sich die Wahrnehmung auf das Innere und das Äußere erstreckt. Manche HSP (= Highly Sensitive Person) nehmen z. B. Gerüche, optische und akustische Eindrücke intensiver oder facettenreicher wahr, andere bemerken beispielsweise feine Nuancen in zwischenmenschlichen Beziehungen, können manchmal gar fühlen, ob eine Person lügt.“ hochsensibel.org (IFHS) > Infotext, abgerufen 2019-10-9

Mir (Andreas) gefällt der wissenschaftliche Ausdruck „Sensory-Processing Sensitivity“ besser, weil sich für mich „Hochsensibilität“ (oder „hochsensible Person“) wie ein Gemütszustand anhört und nicht wie ein angeborenes neurologisches Phänomen. Damit kommt schnell der Verdacht auf, dass ich nur zu sensibel reagiere würde und dass dies doch willentlich beeinflussbar sei. Vielen Menschen in HSP-Selbsthilfegruppen berichten auch davon, dass sie durch Entspannungstechniken, Reframing oder andere Techniken ihren inneren Stress soweit reduzieren konnten, dass sie nun wie alle anderen Menschen an Veranstaltungen oder ähnlichem teilnehmen oder wieder mitten in der Stadt leben können. Ich betone das so, weil die meisten Tipps dahin zielen, dass ich etwas an mir ändere und nicht an meiner Umgebung (aus dem nachvollziehbaren Argument, dass ich wenig Einfluss auf mein Umfeld habe). Doch das greift für mich zu kurz. Wenn ich auch den sich überlagernden somatopsychischen Effekt bei mir durch solche Techniken ausschalten kann, die erhöhte sensorische Verarbeitung in meinem Gehirn kann ich damit nicht verringern. Hier helfen ausschließlich Erholungsphase:

„Wenn Hochsensible nun permanent wesentlich mehr Informationen aufnehmen als normal sensible Menschen, so liegt es in der Natur der Sache, dass bei ihnen die Speicher schneller voll und die Akkus schneller leer sind. Die hohe Anzahl an Informationen, die sie aufnehmen, will verarbeitet (‚verdaut‘) werden. Ihre Nerven brauchen nach Zeiten der intensiven Stimulierung früher eine Phase der Regeneration.

Aufnahmekapazitäten bestimmen allerdings nicht nur die Dauer der erträglichen Wahrnehmung von Informationen, auch begrenzen sie Umfang und Intensität an Information, die zur selben Zeit, sprich in einem Moment, aufgenommen werden kann.

Werden uns zu viele Bilder in zu hektischer Abfolge gezeigt, wird uns unwohl, wir wünschen uns ein langsameres Tempo. Viele Menschen fühlen sich belastet, wenn zu viele Personen gleichzeitig auf sie einreden.

Auch hier stoßen Hochsensible früher an ihre Grenzen: Da die Intensität ihrer Informationsaufnahme höher ist als bei anderen Menschen, geraten sie schneller an ihre ‚Schmerzgrenze‘. Der Ausdruck passt in der Tat: Überstimulation kann Schmerzen verursachen. Bei HSP sind schneller Leitungen überlastet – der Körper wehrt sich.

Infolge dieser Begrenzungen sind Hochsensible, von außen betrachtet, scheinbar weniger belastbar – laute Musik, der Andere ohne Probleme zuhören können, führt bei ihnen zu Unwohlsein, gar zu Schmerzen. Gruppen von Menschen, z. B. große Partys mit breiter Geräuschkulisse, eng aneinanderstehenden Menschen und vielen Gerüchen in der Luft, die für normale Menschen keine besondere Herausforderung darstellen, bedeuten für Hochsensible häufig eine unerträgliche Überlastung an Informationszufluss.“ hochsensibel.org (IFHS) > Infotext, abgerufen 2019-10-9

Wikipedia schreibt die Abgrenzung von einer Überempfindlichkeit gegen ganz spezielle Reize – die dann tatsächlich durch eine Desensilibisierung aufgelöst werden kann – gegenüber einer generellen überdurchschnittlicher Verarbeitung bestimmter Wahrnehumgskanäle (z.B. dem akustischen).

„Einem Erklärungsansatz zufolge stufe der Thalamus bei hochsensiblen Personen (HSP) mehr Reize als ‚wichtig‘ ein, die dann das Bewusstsein erreichen (siehe Klages 1991, Benham 2006). … Überempfindlichkeit im profanen Sinne ist meist eine persönliche unverhältnismäßig starke Reaktion auf Reize, die nicht mit erhöhter Bandbreite der Wahrnehmung einhergehen muss, was bei einer hochsensitiven Person (HSP) fast immer der Fall ist (siehe ‚Thalamische Affizierbarkeit‘ Klages 1991). Bloße Empfindlichkeit und Reizbarkeit sind also kein Kriterium für Hochsensibilität.“
wikipedia > Hochsensibilität, abgerufen 2019-10-9

Bin ich hochsensibel?

„Ein Diagnoseverfahren‘ oder ähnliches gibt es für Hochsensibilität nicht. Zwar existieren diverse Fragebögen, die mehr oder weniger stark den Anspruch erheben, ein aussagekräftiges Ergebnis zu liefern. Der IFHS ist in dieser Hinsicht allerdings etwas skeptischer; wir empfehlen, eine Weile den Gedanken, eine HSP zu sein, quasi versuchsweise ‚mit sich herumzutragen‘ und nach einiger Zeit zu prüfen, ob sich die Lebensqualität gebessert hat oder man nach anderen Erklärungen für das besondere Lebensgefühl suchen muss.
Auf jeden Fall kann man sich für Hochsensibilität ’nichts kaufen‘, weshalb eine belastbare ‚Diagnose‘ auch keine unmittelbaren Konsequenzen hätte. Der Terminus kann allerdings helfen, dass einE BetroffeneR das eigene Leben etwas mehr der Veranlagung entsprechend gestaltet und auch von ihren positiven Seiten profitiert.“hochsensibel.org (IFHS) > FAQ 1, abgerufen 2019-10-9

Objektiv messbar?

Schade finde ich (Andreas), dass es kein objektives Diagnostikverfahren gibt, sondern nur die subjektive Einschätzung der Betroffenen selbst. Dies hat zur Folge, dass ich mir öfter anhören muss, ob dies nicht eher ein psychischen Phänomen bei mir sei und ob ich nicht lernen könnte, dass z.B. Hundegebell mich nicht mehr so belastet.

Messverfahren, die testen nach welcher Zeit oder Lautstärke einzelne Menschen auf akustische Reize mit Stress reagieren, wurde wahrscheinlich deshalb nicht weiter verfolgt, weil es heutzutage nicht mehr angebracht scheint, dass Testpersonen unter einem Test leiden, wenn auch nur in geringen Maße. Mir würde dies allerdings zusätzliche Sicherheit geben und eine bessere Argumentationslage, wenn ich nicht HSPler vermitteln will, dass bei mir jetzt nur noch wirkliche Ruhe hilft. [Mehr zu dieser Fragestellung bei zartbesaitet]

Testfragebögen – Bist Du hochsensibel?

Weiterführende Texte

Allgemein